Ein Odenwälder wandert aus nach Zentralspanien, weit weg von Stränden, Parties und Sangria. Um dort einen Job zu bekommen macht er den LKW-Führerschein. Auf humorvolle Weise beschreibt er in dem Buch den Ernst des dortigen Lebens, seine Erlebnisse und Gedanken auf spanischen, französischen, belgischen und deutschen Autobahnen und auch abseits davon.
Wie er in Le Mans eine Brücke rammt oder bei Paris von der Polizei umstellt wird kommt genauso darin vor wie ein Ausflug ins Land der Apfelbäume oder Beschreibungen seiner spanischen Familie. Beim Fahren philosophiert er über das Universum, die Lichtgeschwindigkeit und schwarze Löcher, über Gott, andere Götter und den Rest der Welt.
Also nicht nur ein Buch für Fernfahrer, Romantiker und Weltenbummler, auch Religionsphilosophen und Wissenschaftler haben hier was zu lachen.
Aus den unterstrichenen Kapiteln sind hier einzelne Absätze veröffentlicht.
Vorwort
Dienstag, 20.09.2005 - Von Valladolid ins Baskenland
Mittwoch, 21.09.2005 - Nachts in San Sebastián
Donnerstag, 22.09.2005 - Die 24 Stunden von Le Mans
Freitag, 23.09.2005 - Mit dem DAF in der Bretagne
Samstag, 24.09.2005 - Endlich wieder in Spanien
Sonntag, 25.09.2005 - Zuhause
Montag, 26.09.2005 - Über den Ebro
Dienstag, 27.09.2005 - Hundemüde in La Rochelle
Mittwoch, 28.09.2005 - Schon wieder mit dem DAF in der Bretagne
Donnerstag, 29.09.2005 - Die Eidechsen von Irun
Freitag, 30.09.2005 - Start nach Belgien
Samstag, 01.10.2005 - Paris bei Nacht
Sonntag, 02.10.2005 - Mit Frédéric im Land der Apfelbäume
Montag, 03.10.2005 - Umstellt von 5 Blaulichtern
Dienstag, 04.10.2005 – Beinahe in Neauphle le Château
Mittwoch, 05.10.2005 - Vier Explosionen an einem Tag
Donnerstag, 06.10.2005 - Hasta la Vista und Adiós
Und so ging’s weiter . . .
. . .
Der spanische Arbeitsmarkt sah etwas anders aus als in
Deutschland: LKW-Fahren, Fabrikarbeit, Straßenbau und
Fischzerlegung waren die einzigen Angebote, die
ausreichend zu finden waren.
. . .
Ich fuhr zurück nach Deutschland und bekam kurze Zeit
später den neuen Führerschein mit den Worten in die Hand
gedrückt: „Jetzt aber nicht überheblich werden, diese Karte
ist nur eine Lizenz zum Üben und kein Diplom für Können!“
. . .
Viertel vor neun, hat Carmen gesagt, solle ich da sein. Ich
bin da, aber das Büro ist zu, keiner da ?
Fängt ja wieder gut an, als ich gestern Abend hier war,
wollte ich eigentlich nur fragen, ob sie noch Fahrer brauchen
und wenn ja, so in 1-2 Wochen anfangen.
Aber Carmen, die kurvenreiche, für eine Spanierin
unglaublich blonde Nichte von Don Pepito, dem Boss, hat
mich tot geredet und in Windeseile einen Arbeitsvertrag
unterschreiben lassen und gesagt, ich müsste unbedingt
morgen anfangen.
Ich solle allerdings nur einen Hänger nach Madrid fahren
und wäre abends wieder zu Hause.
. . .
Im Gegensatz zu Don José, meinem ersten Boss, einem
mafiös ausschauenden Schlipsträger mit schwarzer, süddeutscher
Luxuslimousine war Don Pepito eher ein hemdsärmeliger
Bär mit einem Kopf und einer Stimme wie ein
Rottweiler.
Fast zwei Monate hatte ich es bei Don José ausgehalten:
Meine erste Fahrt führte mich in 72 Stunden nonstop mit 90
km/h von Valladolid nach Zwickau und zurück.
. . .
Als ich mit diesem alten Sack über eine gewaltige Seine-
Brücke bei Le Havre fuhr, bedauerte ich es, nicht am Steuer
zu sitzen. Ich stellte mir vor den Camión durch die Brüstung
in den weit unter uns liegenden Fluss zu steuern, ans Ufer zu
schwimmen und den alten Sack absaufen zu lassen.
Dieser Traum blieb aber ein Traum, ich begnügte mich
damit, ihn damit zur Weißglut zu bringen, dass ich in
keinster Weise auf seine Provokationen einging und mit
stoischer Gelassenheit seine Gemeinheiten ertrug, so, als ob
das alles völlig normal wäre.
Nur einmal wurde ich alleine aus der 200 km-Zone
herausgeschickt.
Sonntags mittags fuhr ich los mit einer irre schweren Kiste
für ein Kernkraftwerk in Ascó unweit von Barcelona.
. . .
Als ich Asturien und Kantabrien hinter mir gelassen hatte
und durchs baskische Bilbao fuhr, war ich wieder relativ
wach, und ich glaubte sogar, irgendwo da links unten im
Dunkel das Guggenheim-Museum zu erkennen, aber das
hatte ich schon begriffen: in einem Camión kommst du zwar
viel rum, aber nirgends hin, du rauschst überall nur dran
vorbei.
Nach San Roman sind es noch schlappe 100 km.
Als ich an Vitoria-Gasteiz vorbeifuhr, Vitoria ist der
spanische Name und Gasteiz der baskische, war ich
mittlerweile so müde, dass ich schon halluzinierend
Personen auf der Fahrbahn sah, aber da ich wundersamerweise
noch helle genug war, sie auch als Halluzinationen
einzuordnen, machte ich zum Glück keine ruckartigen
Ausweichmanöver.
Ich schaffte es noch, die Augen
bis zur Ausfahrt San Roman offen zu halten, fuhr gegen 4:00
Uhr in den Hof, parkte, weiß nicht wie, noch rückwärts ein,
und fiel wie ein Stein hinter den Sitz in die dort schon ewig
auf mich wartende Matratze.
Gegen 6.00 Uhr hämmerte es an die Tür, es war ein kleiner
Katalane, der Loriot oder so ähnlich hieß, er käme gerade
aus Barcelona und hätte den Auftrag meinen Hänger so
schnell wie möglich nach Beaune bei Dijon zu ziehen. Aha,
da ist also dieses Beaune.
. . .
Da das Telefon nicht klingelte, lief ich ein bisschen herum.
Als ich zum Ein- und Ausfahrtstor herausspazieren wollte,
rief eine Stimme von hinten, wo ich hin wolle und wieso ich
keine Warnweste anhätte.
Ich drehte mich um und meinte zu der kleinen Rothaarigen,
die aus ihrem Wachthäuschen an den Diesel-Zapfsäulen
herausgekommen war, wo sie auch Buch zu führen hatte,
welche Fahrzeuge und Personen das Gelände betraten und
verließen, dass ich nur mal gegenüber in dem Hotel-
Restaurant-Tankstellen-Shop nachsehen wollte, ob es dort
Kaffee gäbe.
. . .
Sein Gesicht drückte zwar so etwas wie Mitleid aus, aber
eher noch Freude darüber, dass sein Job lediglich darin
bestand, zu sitzen und die Schranke auf- und zuzumachen.
Ich hab an der Kurbel gezogen und gedrückt, gekurbelt und
dagegen getreten.
Als ich schließlich mit einer als Hammer
missbrauchten Zange hier und da mehr oder weniger sanft
dagegen gehauen hatte, bewegte sich auf einmal was. Ich
konnte es kaum fassen, es klappte jetzt.
. . .
Ich kam jedoch heil über die Grenze und durch die ersten
französischen Mautstationen, bis die Autobahn ungefähr auf
der Höhe von Biarritz mautfrei wurde und ich das Geschoss
rollen lassen konnte.
Obwohl ich Anhalten und Losfahren
wegen des Springens möglichst vermeiden wollte, musste
ich doch ab und zu eine Kaffeepause machen.
Hinter Bordeaux, wo die Autobahn wieder Geld kostet, musste ich
dann auf die Landstrasse runter, die sich aber größtenteils
kaum von einer Autobahn unterschied und rollte die ganze
Nacht über Angoulême, Poitiers, Tours . . .
. . . in Richtung Le Mans, wo ich gegen 10.00 Uhr ankam.
Ungefähr 20 km vor der Stadt hielt ich am rechten Rand der
N 138 und lief über die Strasse in eine Tankstelle um nach
dem Weg zur Avenue Pierre Piffault zu fragen, wo sich eine
Firma namens ACI befinden sollte.
. . .
Da der Tunnel ein Rundbogen und recht schmal war, ließ ich
erst mal den Gegenverkehr passieren und rollte dann in die
Mitte und durch ... und Rumpel, Schepper, Bums, ich dachte,
mir fliegt das Dach weg.
Zum Glück blieb ich aber nicht
stecken, konnte den Tunnel verlassen und fand nach
vielleicht hundert Metern auch eine Haltestelle.
. . .
Jetzt erst mal einen anderen Weg zurück zur Tankstelle
suchen, wo ich mein Buch liegen gelassen hatte.
Oh menno, das gibt’s doch nicht, da hatte ich doch
tatsächlich ohne Stadtplan mit Hilfe der Frankreichkarte
einen Weg gefunden, die Brücke zu vermeiden; jetzt ist
dieser wegen Umbau geschlossen.
Fahr ich also mal die nächste Abzweigung in diese Richtung,
von da komm ich bestimmt auch irgendwie quer wieder
zurück zur Strasse nach Tours.
. . .
Bevor ich einschlief musste ich an ein Gedicht von Erich
Kästner denken: „Ein Kubikkilometer genügt!“ In diesem
Gedicht hat er ausgerechnet, dass man alle Menschen in
eine Kiste packen könnte, die einen Kilometer hoch, lang
und breit sei, ein Kubikkilometer.
Das waren damals noch 2 Milliarden Menschen, also für
jeden ein halber Kubikmeter. Wenn man etwas enger
zusammenrücken würde, also mit etwas Gewalt, könnte man
die in näherer Zukunft erwarteten 8 Milliarden da wohl auch
hineinstopfen. Aber wir wollen ja nicht so sein, lassen wir
jedem einen Kubikmeter, dann würde wir alle in eine Kiste
passen, die zwei Kilometer hoch, lang und breit sei, 8
Kubikkilometer.
Da könnten wir dann irgendwo in der Pampa stehen und auf
dem Rest des Planeten wäre wieder Ruhe und Frieden.
Irgendwo zwischen Mannheim und Frankfurt ans Rheinufer
gestellt, würde man diese Kiste aus dem Fenster eines
Shuttles kaum zur Kenntnis nehmen, so winzig wäre sie.
Auch alle Autos, die jemals gebaut wurden, könnte man in so
eine Kiste packen. Ich nehme ja an, dass bis heute deutlich
weniger als 8 Milliarden Autos gebaut wurden, und
zusammengequetscht braucht jedes bestimmt auch keinen
ganzen Kubikmeter, also würden die auch locker in eine
Kiste mit 2 x 2 x 2 Kilometer passen.
. . .
Im Büro war man ziemlich erfreut, zu hören, dass ich
startklar war und sie schickten mir postwendend eine SMS
mit zwei Ladeadressen, eine in St.Nazaire und eine andere in
Nantes, beides nordwestlich von hier.
Ich musste also erst
wieder die 40 km zurück nach Le Mans und nicht weiter
zurück Richtung spanische Heimat, wie ich zuerst dachte
und hoffte.
. . .
Sie wollten weder meinen Führerschein, noch meine Fahrtenschreiberscheiben
sehen, sie interessierten sich nur für
meine Frachtpapiere und die Ladung.
Da ich aber keine
Ladung hatte, hatte ich natürlicherweise auch keine
Frachtpapiere, also sollte ich mal hinten aufmachen, damit
sie einen Blick reinwerfen könnten.
. . .
. . .
In jedem Tropfen des Bieres ist die ganze Welt, sowie in dem
Glas, sowie in dem darunter liegenden Bierdeckel, dem
Tisch darunter, der Luft und dem Gebäude darüber, überall,
in jedem Atom und jedem Teilchen davon.
Die ganze Welt ... interessant ...
Das hieße auch, ich und du, und jeder, und alles, in jedem
Fitzelchen jedes Atoms.
. . .
Und wenn wir nun also auf einem Elektron um unsere Sonne
kreisen, was zum Beispiel zu einem Molekül gehört, welches
sich zum Beispiel im Herzen eines Zebras befände und dieses
Zebra im Laufschritt durch die Pampa galoppiert, dann wird
doch unser ganzes Sonnensystem in einem Tempo dahingetragen,
neben dem sich unsere kleinkarierte Lichtgeschwindigkeit
relativ gesehen nicht schneller als der Furz
einer Laus ausnimmt.
. . .
Gott wird schon wissen, was er sich hierbei gedacht hat,
nicht mein Problem.
Hab ich Gott gesagt?
Dass ist auch so einer, der einem den
Schlaf rauben kann.
. . .
Als ich Vormittags aus dem Fenster des 6.ten Stocks auf die
Wartungshallen spanischer Eisenbahnzüge schaute, fragte
ich mich, wo ich jetzt wohl wäre, wenn es im März 2001
nicht so geregnet hätte.
. . .
Auch der Name der Stadt „Valladolid“, die Herkunft der
zwei Engel, sagte mir absolut nichts.
Zuhause im Atlas suchte und fand ich kein „Bajadolid“ und
dachte, das müsse aber ein verdammt kleines Nest sein,
wenn ich es in keinem Atlas fände.
Aber schnell sollte ich lernen, dass in Valladolid nicht nur
am 20.Mai 1506 Christoph Columbus gestorben ist, sondern
dass hier auch mal mit Karl V, dem am 24.Februar 1500 in
Gent/Belgien geborenen Sohn von Philipp dem Schönen und
Johanna der Wahnsinnigen, ein deutscher Kaiser zuhause
war, der als Carlos I gleichzeitig als der erste König von
Spanien galt und gilt.
Schön an Spanien und den Spaniern ist auch, dass
„normalerweise“ kaum jemand vor 9:00 Uhr zu arbeiten
beginnt, also nicht solche „Gold im Mund zur Morgenstund“
suchenden Heidelerchen wie bei uns in Deutschland.
Wenn man dann aber wirklich mal früh wach ist, und einen
geöffneten Bäcker oder Baumarkt sucht, hat man natürlich
Pech gehabt, hier schlafen alle so lange wie in Deutschland
nur Künstler, Studenten oder Arbeitslose.
. . .
Da ich in der Werkstatt warten musste, bis ich dran bin, hatte
ich sogar Zeit für ein lecker Mittagessen in Schwiegermamas
Küche.
Die Zahl der Zutaten ihrer Gerichte ist sehr überschaubar,
wie auch die Zahl der verschiedenen Gerichte selbst, aber
immer wieder ein glücklich machender Genuss.
Hier wird nicht experimentiert, die Rezepte haben sich seit
Generationen wohl kaum verändert.
Bedauerlich konservativ, mag man meinen, aber dafür halt
auch sehr stabil und konstant. Wie die Pinienwälder rings
herum (anspruchslos wie Kamele) die weder im Winter
erfrieren, noch im Sommer vertrocknen.
Wenn ein Kastilier seinen Fuß mal irgendwo hingestellt hat,
wo er einigermaßen bequem steht, wird er (oder sie) seinen
Fuß dort nicht mehr wegbewegen, bevor man ihn (oder sie)
erschießt. Auch wenn um die Ecke das Paradies warten
würde.
. . .
Die Finanzierung eines Brunnens zur Bewässerung seines
Pinienwäldchens (kaum 2-3m hohe Jungpinien), damit seine
selbst gebaute Windmühle (Don Quijote lässt grüssen) zum
Einsatz kommen kann, hätte in „modernen“ Gesellschaftskreisen
unweigerlich zur Scheidung geführt; aber hier
kommt wieder das kastilische Gen zur Geltung, dass trotz
allem was passiert, alles so bleibt wie es ist.
Marciano flüchtet sich vor dicker Luft zuhause in seinen
Erfinder-, Denker-, Konstruktions-, usw. Schuppen, auf eine
seiner Ackerflächen oder das Kartenspiel mit Freunden in
eine seiner Stammkneipen, wo er ein gern gesehener Gast
ist.
. . .
Als ich wieder bei Pepito ankam, hatte meinen Hänger schon
ein Kollege zu Renault gefahren und Carmen begrüßte mich
mit den Worten:
„Du fährst jetzt nach Baden, ich glaub das
ist in Deutschland.“
Baden?? Baden-Baden kenn ich, aber Baden??
Hab in meinem
Atlasregister nachgeschaut und außer einem winzigen
Nest bei Bremen kein Baden gefunden.
. . .
Römisch nummeriert sind die sechs Hauptadern, die von
Madrid aus sternförmig ans Meer führen, die N I ins
baskische San Sebastián, die II ins katalanische Barcelona,
die III ins valencianische Valencia, die IV ins andalusische
Cádiz, die V bis ins extremadurische Badajoz an der
portugiesischen Grenze, von wo es nicht mehr weit ist nach
Lissabon, und zu allerletzt die VI nach La Coruña in
Galizien.
Alle anderen Strassen haben arabische Nummern.
Auf der N I schließlich in Miranda am Ebro angekommen,
bin ich erst mal mehrfach die Hauptstrasse rauf und runter
gefahren, bis mir jemand den richtigen Weg zu der von mir
gesuchten Fabrik erklärte.
. . .
Es hatte die ganze Nacht immer wieder etwas vor sich
hingeregnet, aber die Sonne fand im Morgengrauen schnell
ein paar Löcher im zerzausten Wolkengetümmel um den
ohnehin schon vorhandenen Nebelschwaden noch etwas
mehr Dampf zu machen.
Hose an, ein paar Spritzer Wasser in die Augen und auf die
Zähne, Haare kämmen, kurz aussteigen zum Pipi machen,
wieder einsteigen und los geht’s.
. . .
In der Hotelbar, wo ich meinen bulgarischen Kollegen
wiedersah, der ebenfalls für Don Pepito fuhr, nahm ich ein
französisches Frühstück, also Kaffee mit Croissant, zu mir.
Er fragte mich auch diesmal, ob ich denn schon mal Geld
vom Boss bekommen hätte, aber wie sollte ich, war ja erst
eine Woche dabei.
Er klagte, wie lange er schon nichts mehr
bekommen hätte, oder doch immer mal wieder ein bisschen
was, wenigstens um sein schäbiges Zimmer in Zaragoza zu
bezahlen, welches zu sehen er bei diesem Job sowieso nie
Zeit hätte.
Aber da er sowieso lieber in seiner Kabine „wohnt“ als in
dieser Bruchbude, in der außer Kakerlaken niemand auf ihn
wartet, hätte er seinen Mietvertrag schon längst gekündigt,
wenn man für einen Arbeitsvertrag nicht auch einen
Wohnsitz bräuchte.
. . .
Schon ziemlich müde kurvte ich durch ein zwar
beleuchtetes, aber trotzdem schon recht dunkles Viertel auf
der Suche nach einem Parkplatz um die Augen zuzumachen.
Vor dem Schlafen fuhr ich noch an einem Schild vorbei,
worauf stand, dass auf der weiter führenden N 137 in
Richtung A 83 nach Nantes eine Brücke käme, die nur bis
26 t zugelassen sei.
Ich war aber schon zu müde nachzuschauen, was meine
Ladung wiegt um sie mit meinem Leergewicht zu addieren,
und kroch erst mal in meine Koje.
. . .
Ich fuhr durch ein breites Rolltor in den großen Hof eines
Röhrenlagers in einer kleinen Zone Industrielle etwas
außerhalb von Baud, wo ich keine Menschenseele sah.
In einer Halle fand ich dann doch jemanden, den ich
offensichtlich bei seinem Mittags-Imbiss störte. Er sagte mir,
ich solle schon mal meine Seitenwände öffnen, und löffelte
in Ruhe sein Schüsselchen leer. Nachdem er den letzten
Löffel mit einem Schluck Vin Rouge heruntergespült hatte,
erhob er sich und schlurfte zu einem Gabelstapler.
Palette für
Palette stapelte er die Rohre nebeneinander in den Hof,
während ich einem etwa in halber Reiseflughöhe über uns
düsenden Verkehrsflugzeug nachsah.
Weit wird es nicht mehr haben bis zum Ziel, wo gibt es
dahinten im bretonischen Zipfel noch einen Flughafen,
vielleicht in Brest?
. . .
Es waren wirklich nicht viele Paletten, aber schließlich
musste ich anschließend ja noch 130 km nach Nantes
Carquefou, wo man mir schon den Rest geben würde.
Außerdem waren meine neuen Paletten schön flach, so dass
sie eigentlich nicht umfallen konnten, aber affenschwer.
Ich fuhr zuerst auf der N 166 bis Vannes an der
Atlantikküste und dann nahe der Küste die N 165 entlang bis
Nantes, wobei ich auch wieder die Vilaine-Brücke mit der
schönen Aussicht überquerte.
. . .
Ich dachte nur:
Gott sei Dank, dass ich nicht auf der Strasse schlafen muss.
Wem sonst hätte ich an diesem düsteren Ort danken sollen?
Und bevor ich einschlief kreisten meine Gedanken noch
etwas durch mein Buch:
Wenn es einen Gott gibt, und warum sollte es keinen geben,
nichts ist unmöglich, dann müsste der ja auch, wie alles
andere, in jeder Zelle des Universums stecken.
In jeder Zelle nur ein Stückchen von ihm ?
Nein, wenn ja in jeder Zelle das ganze Universum steckt,
also alles, jeder Straßenköter, jeder Altglascontainer, jede
Blume auf der Wiese, jeder Haifisch im Ozean, einfach alles,
jeder Gedanke, der je gedacht wurde, jeder Schmerz und
jede Freude die je gefühlt wurden, dann muss doch auch in
jeder Zelle auch Gott als ganzes vorhanden sein.
Und nicht nur einer, für alle Götter ist in jedem Krümel
Platz.
Der katholische, der evangelische, der jüdische, der
arabische, der indische und der indianische, der chinesische,
die griechischen wie die römischen und all die anderen, die
heutzutage schon vergessen sind und die, die noch kommen
werden, auch.
Und weil der Raum in jeder Zelle unendlich groß für alles
mögliche ist, wird der auch nicht halt davor machen, alles
Vergangene, Gegenwärtige sowie alles Zukünftige
„gleichzeitig“ zu beherbergen.
Als kleiner Knirps hatte ich mir vorgestellt, dass doch das,
was für uns ein Tag ist, für eine Ameise vielleicht wie eine
Woche und für einen Elefanten wie eine Stunde dauert.
Weil doch das, was uns groß erscheint, für einen Elefanten
klein ist und das, was uns klein erscheint, für eine Ameise
groß ist.
Ist Zeit vielleicht einfach nur ein Gefühl, was von der
eigenen Größe abhängt.
Den rasanten Stoffwechselvorgängen, die sich tagtäglich in
unserem Körper abspielen, wo in Sekunden und Minuten
ganze Welten entstehen und wieder zerfallen, müssen im
Zeitgefühl der „Bewohner“ doch erdgeschichtliche
Maßstäbe anhaften.
Oder nicht ?
Und das Zebra, in dessen Herzen z.B. wir durch eine Steppe
galoppieren, macht dieses nur einen Schritt nach vorne, für
das Zebra weniger als eine gefühlte Sekunde, aber
währenddessen läuft unsere gesamte Geschichte vom
Urknall bis zum wieder Verschwinden in einem schwarzen
Loch?
Einmal, hundertmal, unendliche Male?
Und nicht nur im Herzen des Zebras, was ja nur ein Beispiel
ist, auch in seinem Fuß, in jedem Haar und seinen
Exkrementen?
Soll das alles Humbug sein, Ideen eines total Bekloppten?
Aber alles was vorstellbar ist, ist ja wohl auch möglich,
solange die Unmöglichkeit nicht bewiesen ist, wie an der
Existenz von Zeus, Osiris, Poseidon, Manitu und all den
anderen in vielen Köpfen ja auch kein Zweifel bestand,
obwohl es nie bewiesen wurde.
Und wenn nicht nur alle Dinge, auch alles Gedachte und
Gefühlte in jeder Zelle Platz hat, dann ja nicht nur alle
Götter und Götzen, sondern auch der Glaube daran.
Sowie jede Regung jedes Atheisten hier genauso sein
Plätzchen hat.
Mein Kopfkarussel fing an weh zu tun, mir wurde
schwindlig, aber bevor sich mein Wunsch erfüllte, dass
unsere Erde doch bitte, bitte wieder ein Scheibe sei, schlief
ich ein.